Auferstanden aus Ruinen

Text: Kai Krösche

In vielen ehemaligen Kinos befinden sich mittlerweile Lagerhallen,
Supermärkte oder Bankfilialen. Die Kulturinitiative „SOHO in Ottakring“ revitalisiert aber nun den ehemaligen Saal des Sandleitenkinos als Ort für Kunst und Kultur.

Das alte Kino in Sandleiten beherbergte früher bis zu 600 BesucherInnen.
© Mehmet Emir

In Zeiten weniger großer Multiplex-Kinos scheint es schwer vorstellbar, dass einst Hunderte von Kinos das Wiener Stadtbild zierten. Teils hervorgegangen aus ehemaligen Unterhaltungslokalen, oft jedoch von Beginn an als Kino konzipiert, fanden sich auch in Ottakring über den Verlauf der Jahrzehnte zahlreiche Lichtspielhäuser mit regulärem Vorführbetrieb.

Für Angela Heide vom Forschungsprojekt KinTheTop, das sich mit der (ehemaligen) Kino- und Theaterlandschaft Wiens befasst, spiegelt die Kinogeschichte Ottakrings dabei gleich mehrere Entwicklungen wider: „Zum einen sah man hier die Umfunktionierung bestehender Orte urbanen Vergnügens, also vom Beisl zum Kino, zum anderen entstanden auch eigens gebaute Kinos als wichtige Orte urbaner Entwicklungen – gerade für einen Arbeiterbezirk ein zentrales Thema.“

Revitalisierung der Kultur

Mit dem Kinosterben der letzten Jahrzehnte aber zogen auch hier die Bank und Supermarktfilialen, Flohmärkte und Lagerhallen in die einstigen Filmtempel. Und als das Weltspiegel-Kino am Lerchenfelder Gürtel, das zuletzt ohnehin nur noch auf Erotikstreifen spezialisiert war, vor circa zwei Jahren schloss, machte damit das letzte Lichtspielhaus des 16. Bezirks die Pforten zu.

Dass die Räumlichkeiten ehemaliger Kinos nicht zwingend dauerhaft Geschäften und Stellflächen zum Opfer fallen müssen, demonstriert nun das Kunstprojekt „SOHO in Ottakring“. Im Jahr 1999 hervorgegangen aus einer Kulturinitiative, entwickelte sich über die Jahre ein stadtteilspezifisches Kunstprojekt samt Festival mit einer Konzentration auf „Fragen nach Teilnahme und Mitsprache im öffentlichen Leben, Aspekte der Urbanität und Stadtteilentwicklung und Möglichkeiten der Partizipation im lokalen Umfeld mittels künstlerischer Interventionen“.

Seit 2013 fokussiert sich das Projekt insbesondere auf das im Nordwesten Ottakrings liegende Gebiet Sandleiten – und widmet sich nun in einer großen Umbauaktion der Revitalisierung des ehemaligen Sandleitenkinos zu einem Ort für Kultur. Errichtet als Teil des Sandleitenhofs, dem mit seinen fast 1600 Wohnungen größten Wiener Gemeindebau der Zwischenkriegszeit, bot das Kino einst Platz für über 600 Zuschauer, wurde aber trotz kultureller Mehrfachnutzungen (unter anderem als Theatersaal)
schließlich Anfang der 90er Jahre geschlossen. Während die Fläche des ehemaligen Kinosaals nun Unterkünfte für betreutes Wohnen beheimatet, blieb der Entréebereich seither – abgesehen von einer kurzzeitigen Nutzung als Supermarkt in den 90ern – bis auf einzelne Veranstaltungen weitgehend ungenutzt.

Flimmert es bald wieder?

„Diesen Leerstand haben wir als Potential gesehen“, erklärt Ula Schneider, eine der Leiterinnen von „SOHO in Ottakring“. In Zusammenarbeit mit der Wiener Kunstschule wurde der Umbau der Freiflächen – inklusive des ebenfalls im Sandleitenhof befindlichen ehemaligen elektropathologischen Museums – initiiert, bereits Anfang kommenden Jahres soll eine gemischte Nutzung möglich sein: Lehrbetrieb der Kunstschule einerseits, kulturelle Veranstaltungen andererseits. „Es ist uns ein Anliegen, auch über unser regelmäßiges Festival hinaus ein kontinuierliches Angebot an kulturellen Veranstaltungen für die unmittelbare Umgebung zu bieten“, benennt Schneider die Zukunftspläne.

Ob künftig auch die Filmkunst wieder einziehen wird? „Der Wunsch nach Filmvorführungen wurde jedenfalls schon mehrfach geäußert“, so Schneider. Mit Marie-Christine Hartig befinde sich im SOHO-Leitungsteam auch eine der künstlerischen Leiterinnen der Filmfestivals ethnocineca und Kaleidoskop – man sitze also praktisch an der Quelle. Und so flimmern – als Teil eines reichhaltigen und vielfältigen kulturellen Angebots – künftig vielleicht wieder bewegte Bilder über eine Leinwand in einem der ehemaligen Kinos von Ottakring.

Mehr auf Ottakringer Flaneur:

12. Oktober 2020 0

Der Gürtel schnallt enger und enger

Die Clubs und die Bars sind zweifellos wirtschaftlich mit am stärksten betroffen von der Corona-Pandemie. Wie durch ein Brennglas lassen sich hier die wirtschaftlichen Folgen der Krise analysieren. Wir haben uns mit vier Gastronomen, die am Lerchenfelder Gürtel ihre Lokale betreiben, unterhalten und die Auswirkungen der Pandemie für ihr Geschäft und die soziokulturellen Folgen des eingeschränkten Betriebs diskutiert. ... mehr.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*