Der Ottakringer Live Ticker: Das Café Ritter

In seiner Kolumne besucht unser Autor Tino Schlench ganz unterschiedliche Plätze und Orte im 16. Bezirk. Als teilnehmender Beobachter hält er dabei protokollartig fest, welche Szenen und Gespräche sich um ihn herum ereignen. Diese werden dann verfremdet (aber wirklich nur ein bisschen).

Ein Donnerstag, früher Nachmittag.

12:45

Cafe Ritter in Ottakring, 1160 Wien.
Das Café Ritter in Ottakring befindet sich
in der Ottakringerstraße 117. Seit diesem Jahr wird hier auch Live-Fußball gezeigt.
Bild: OF red.

Im Café Ritter war ich seit Jahren nicht mehr. Es ist also dringend Zeit für einen erneuten Besuch. Laut Google verbringen Menschen hier im Durchschnitt 1 bis 3 Stunden. Gezwungenermaßen entscheide mich für die goldene Mitte, denn ich habe etwa 90 Minuten Zeit bis zu meinem nächsten Termin. Die Länge eines Fußballspiels also. Ohne Pause, Verlängerung oder Elfmeterschießen.

12:46

Und tatsächlich fast nur Männer hier. Ja klar, Fußball wird auch von Frauen gespielt, aber davon bekommt man medial ja so gut wie nichts mit. Viel irritierender: Die in weiß gekleidete Bedienung grüßt mich schon beim Betreten des Kaffeehauses.

12:47

Hingesetzt, Jacke und Tasche abgelegt. Von meinem Platz aus kann ich das Lokal in Richtung Ottakringer Straße gut überblicken. Die Kellnerin kommt prompt vorbei. Ich bestelle eine Melange. Sie schwirrt zum nächsten Gast.

12:48

Direkt vor mir sitzt eine Vierergruppe aus Männern im Alter von 50 bis 60 Jahren. Kartenspieler, vermutlich Tarock. Neben ihnen stehen Messing-Schalen für den Einsatz. Zwei der Männer haben volles Haar, die zwei anderen haben gar keins mehr. So harmonisch hier im Ritter.

12:49

Jemand hat den Standard auf meinem Platz liegen lassen. Kein Bericht über Frauenfußball im Sportteil. Hab ich’s doch gewusst!

12:50

Die Melange wird serviert. Dazu gibt es eine kleine Manner-Schnitte. Keine Gewichtsangabe, doch eine Briefmarke wird nicht viel weniger wiegen. Zack und weg.

12:52

Meinl-Logo auf dem Tablett. Meinl-Logo auf der Tasse (zweimal). Meinl-Logo auf der Untertasse. Stimmiges Ensemble.

12:55

Wie kommt der Kaffee im Café Ritter eigentlich im Internet weg? Ich werd mal nachsehen.

12:56

Google-Rezension aus dem letzten Jahr: „Erst nachträglich erfahren, dass es außer Meinlkaffee auch noch richtigen Kaffee gibt.“ Na toll.

12:57

Bisschen viel Milchschaum vielleicht. Aber insgesamt doch sehr genießbar. Ich sitze ab und an im Café am Heumarkt. Dort wird man zum Teetrinker.

12:58

Die Tarock-Männer wiederum trinken Soda Zitron, gespritzten Saft und Almdudler. Kein Bier. Wirklich kein Bier. Ist DAS noch Ottakring?

13:00

Es wird noch ärger: Eine Frau Ende 20 setzt sich in die Nische zu meiner Rechten. Sie packt einen Laptop aus und bestellt … Kaffee mit Sojamilch.

13:01

Der dandyhafte Mann am Fenster hingegen bestellt das Mittagsmenü: Suppe und Schnitzel.

13:05

Lautes Schnitzel-Klopfen aus der Küche. Der Schnitzel-Dandy (graues Sakko, gepflegter Bart) blättert derweil in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

13:06

Das Schnitzel-Klopfen aus der Küche wird immer lauter. Ist das Viech denn noch nicht tot?

13:07

Die Sojamilch-Frau rechts bestellt empört einen Salat.

13:08

Der Schnitzel-Dandy bekommt seine Vorsuppe. Die wird ihm nicht von der Kellnerin, sondern von einem Ober serviert. „Mahlzeit!“ – „Danke.“ – „Bitte, gerne.“ Ausgesprochen höfliches Personal.

13:09

Facebook-Eintrag vom 22. November 2017: „Bin noch nie von einem Kellner so beschimpft worden, wie von dem großen grauhaarigen (Wolfgang??) wir kommen NIE WIEDER!“ War das eben der geläuterte Herr Wolfgang? Optisch würde das schon passen.

13:11

Und offensichtlich noch immer recht männerlastig. Ganze drei Frauen im Café Ritter. Alle drei in Arbeit versunken. Zweimal Laptop, einmal Sketchbook. Die da hinten zeichnet doch?

13:14

Und schon gibt’s Männer-Nachschub. Ein etwas verwirrt aussehender Teenager mit Wuschelfrisur und Nickelbrille betritt das Lokal. Wechselt zweimal den Platz bevor er sich dann endlich für den Tisch zu meiner Linken entscheidet. Aus der Nähe betrachtet wohl doch schon Anfang 20. Und sicher Student. Der hat heute nichts mehr vor.

13:16

Der Schnitzel-Dandy wartet derweil aufs Schnitzel und wirft der Sojamilch-Frau einen verträumten Schnitzel-Blick zu.

13:17

Die Sojamilch-Frau verschwindet verschreckt auf die Toilette. Erst jetzt fällt mir auf, dass ihr Oberteil (Bio-Naturfaser?) transparent ist und sich ihr BH darunter abzeichnet. Verwegen!

13:20

Das Schnitzel ist da und riecht bis hierher. Nicht unangenehm.

13:22

Warum nicht mal in die Speisekarte blicken? Das Kaffeehaus besteht seit 1907. Schön. Fußball-Legende Ernst Happel spielte hier oft Karten. Egal. Neueröffnung nach erfolgter Renovierung im Dezember 2016. Ach daher die besseren Online-Bewertungen ab 2017… Ganz viele Bio-Produkte und Regionales im Angebot. Kann man machen. Der Hauswein kommt vom Weingut Hugl-Wimmer aus Ponyhof. Sachen gibt’s.

13:23

Oh, der Ort heißt Poysdorf.

13:25

Ob so ein Wein vom Ponyhof was kann?

13:26

Könnte mir eigentlich mal die Kuchenauswahl ansehen. Breites Sortiment, farblich dominiert hier ganz klar die Trendfarbe beige. Facebook-Rezension vom 30. Januar 2017: „Alles aus echter Butter.“ Das schafft Vertrauen.

13:28

Zum Kuchen wäre so ein Ponyhof-Spritzer eigentlich nicht so verkehrt. Aber wirklich schon um diese Uhrzeit mit dem Trinken beginnen? Nicht mal die Tarock-Männer trinken Alkohol …

13:29

Aber morgen ist Freitag und Freitag ist ja fast schon Wochenende.

13:30

Mit einem Kaltgetränk schmeckt ein Kuchen schon besser.

13:31

Der Teenager-Mann erhält Gesellschaft von einem anderen Studenten. Ähnliche Frisur, dafür weniger Locken und leicht ausgedünnt. Zur Begrüßung gibt’s ein Selfie.

13:33

Ja, mit einem Kaltgetränk schmeckt ein Kuchen doch wirklich viel besser.

13:34

Ich bestelle einen Ponyhof-Spritzer und eine Topfentorte. Passt. Die Bedienung verurteilt mich nicht, sondern schaut verständnisvoll. Weiß nicht, was schlimmer ist.

13:36

Endlich Streit in der Tarock-Truppe. Der ist allerdings sofort beigelegt. Die sind alle furchtbar herzlich und nett zueinander. Muss am fehlenden Alkohol liegen. Anders lässt sich das eigentlich nicht erklären. Oh, mein Spritzer ist da!

13:37

Der Schnitzel-Dandy hat aufgegessen und schaut befriedigt. Hinter ihm am Fenster prangt ein Plakat für einen Kino-Film namens „Die Wunderübung“ mit dem ostdeutschen Mondgesicht Devid Striesow.

13:38

Wenig verwunderlich: die verächtlichen Blicke der Sojamilch-Frau in Naturfaser. Kaffee und Oberteil, so beige wie die Kuchenauswahl. Aber die ist aus echter Butter und wird demnach ignoriert.

13:40

Ein fünfter Kartenspieler taucht auf. Einer der anderen geht rauchen, was von der Gruppe mit einem beherzten „Du Oarsch!“ kommentiert wird. Nur ein Raucher in der Gruppe. Nur einer von fünf. Ist DAS noch Ottakring?

13:41

Den Ponyhof-Spritzer möchte ich an dieser Stelle nicht unbedingt empfehlen. Dennoch eine sinnvolle Investition, da die Topfentorte etwas trocken geraten ist.

13:42

Der Schnitzel-Dandy verlässt mit Schnitzel im Magen das Lokal und wirft dabei der Sojamilch-Frau einen letzten Schnitzel-Blick zu. Die konzentriert sich aber auf ihren Laptop und ihre Notizen (beides beige).

13:43

Spielerwechsel im Tarock-Team. Der neue Mann ersetzt den Raucher. Dabei ist dieser schon wieder zurück. Eine sehr sportliche Zigarette. Passenderweise trägt der Mann ein trikotartiges Oberteil. Aufschrift: „Refresh!“ Das T-Shirt spannt allerdings gewaltig. Nun muss er zusehen.

13:48

Und ich muss zusehen, dass ich nicht huste. Wirklich etwas trocken, diese Torte. Geschmacklich aber ausgezeichnet.

13:50

Teenager-Mann und Teenager-Mann-Begleitung starren mittlerweile auf ihr Smartphone. Einzeln, selbstverständlich.

13:52

Die Sojamilch-Frau wird angerufen, hält sich aber kurz. Ganz sanfte Stimme. So ein Mensch beutet keine Kühe aus.

13:54

Auch die Studenten reden jetzt miteinander. Deutsche.

13:55

Der Teenager-Mann lacht wie eine Teenager-Frau. Wie kurz vorm Erstickungstod. Nicht unsympathisch.

13:56

Ich selbst konnte den Erstickungstod gerade noch so abwenden. Die trockene Topfentorte ist nicht mehr.

13:59

Die Studenten sitzen jetzt nebeneinander und zeigen sich Dinge auf ihren Telefonen. Geht da noch was? Haben wir es hier mit einem Date zu tun?

14:01

Die Sojamilch-Frau (beige) schaut interessiert.

14:03

Die Studenten haben sich wieder auseinandergesetzt. Ist wohl doch nur maximal eine Bromance.

14:06

Dieser Nachmittag hat kein Happy End. Der Dienst der Kellnerin neigt sich dem Ende zu und sie will kassieren.

14:09

Nachdem sie schon bei allen anderen war, kommt die Kellnerin jetzt zu mir. 11,20 Euro plus Trinkgeld. Die Rechnung verrät ihren Namen: Brigitte.

14:10

Die Tarock-Truppe bleibt sitzen.

14:11

Die Sojamilch-Frau bleibt sitzen und kritzelt in einem Notizblock (beige). 

14:13

Die zwei homosozial miteinander verbundenen deutschen Wuschel-Studenten verlassen das Lokal und verabschieden sich mit „Tschüß!“. Brigitte antwortet mit „Baba!“

14:15

Ich korrigiere den Fauxpas meiner Landsleute und huste beim Rausgehen ein „Wiederschaun!“ in Richtung Brigitte. Aber die hat zu tun und antwortet mir nicht. Die Sojamilch-Frau wirft mir ein beiges Lächeln zu.

Das Café Ritter ist täglich ab 9 Uhr geöffnet: auch an Sonn- und Feiertagen mit ganztägigem Frühstücksangebot. Mehr Infos auf der Website vom Café Ritter.

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Über Tino Schlench
Tino Schlench – knietief im akademischen Prekariat – liest, schreibt und trinkt Kaffee. Auf seinem Instagram-BuchBlog @literaturpalast beschäftigt er sich mit Literatur und Themen aus dem deutschen und europäischen Osten. In seiner Kolumne besucht unser Autor Tino Schlench ganz unterschiedliche Plätze und Orte im 16. Bezirk. Als teilnehmender Beobachter hält er dabei protokollartig fest, welche Szenen und Gespräche sich um ihn herum ereignen. Diese werden dann verfremdet (aber wirklich nur ein bisschen).

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